Brüssel/Berlin (Reuters) – Die EU-Gesundheitsminister bitten die EU-Kommission, innerhalb von sieben Tagen die Empfehlung für eine vierte Corona-Impfung für alle über 60-Jährigen zu prüfen.
“Das kann auch für Deutschland ein wichtiger Kompass für den Umgang mit der zweiten Boosterung sein”, sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters nach der Sitzung in Brüssel. “Aktuelle Daten aus Israel zeigen: Wer über 60 Jahre alt ist oder unter Vorerkrankungen leidet, sollte sich ein viertes Mal impfen lassen.” Dies verringere das Sterberisiko um bis zu 80 Prozent.
Lauterbach hatte vor den Beratungen angekündigt, dass er sich für eine solche Empfehlung aussprechen werde. Die EU-Kommission solle sich dann mit der EU-Zulassungsbehörde EMA abstimmen, sagte der SPD-Politiker weiter. Er warnte davor, auf einen von den Herstellerfirmen auf neue Virus-Varianten angepassten Impfstoff zu warten. Die Entwicklung verzögere sich. “Die angepassten Impfstoffe erwarte ich für später”, sagte er. September sei jetzt der Zielmonat. Dies sei aber zu spät. Auch die EMA hatte Mitte März darauf verwiesen, dass sich die Entwicklung verzögere. In der EU und in Deutschland sei genug Impfstoff vorhanden. Weil die Abgabe an ärmere Länder stocke, drohe die Vernichtung der Impfstoff-Bestände.
In Deutschland hat die Ständige Impfkommission (Stiko) eine Empfehlung für eine vierte Corona-Impfung bisher für Personen ausgesprochen, die älter als 70 Jahre sind und als Risikopatienten gelten. Ein EMA-Vertreter hatte am 17. März noch gesagt, dass es nicht genügend Belege aus klinischen Studien oder der Praxis gebe, die eine Empfehlung für eine zweite Auffrischungsimpfung stützten. Man erwarte “im Laufe des Frühjahrs” weitere Daten. Österreichs Gesundheitsminister Johannes Rausch setzte sich dafür ein, dass die EU auch weiterhin gemeinsam Corona-Impfstoff beschaffen sollte. “Wir haben nicht die Verhandlungsposition den Herstellern gegenüber, es braucht die europäische Solidarität”, sagte er mit Blick auf kleine EU-Staaten vor den Beratungen in Brüssel.
Die EU-Gesundheitsminister berieten auch über die Versorgung von Schwerkranken aus der Ukraine und die Impfung von ukrainischen Kriegsflüchtlingen. Lauterbach sagte, dass es große Impflücken bei den Ankommenden gebe und man die Impfzentren nutzen werde, um diese Menschen zu impfen. “Von den Geflüchteten geht keine akute Gefahr für die Bevölkerung aus”, betonte er. Die fehlenden Impfungen gefährdeten eher die Menschen, die aus der Ukraine kämen.