Zürich (Reuters) – Die russische Gazprombank stellt ihre Schweizer Tochter auf den Prüfstand.
Die Muttergesellschaft habe entschieden, die möglichen strategischen Optionen für die Gazprombank (Switzerland) Ltd auszuloten, teilte das Institut mit Sitz in Zürich am Freitag mit. Diese Optionen umfassten unter anderem einen möglichen Verkauf von Firmenteilen oder des gesamten Unternehmens. “Die Bank geht derzeit davon aus, dass der Prozess der strategischen Überprüfung – einschließlich der Suche nach einem Investor, falls eine solche Option verfolgt wird – bis zum Ende des dritten Quartals 2022 abgeschlossen sein wird”, hieß es in der Mitteilung.
Die Gazprombank Schweiz, die rund 80 Mitarbeiter beschäftigt, ist vor allem in der Handels- und Exportfinanzierung aktiv. So können Schweizer Industriekonzerne Exporte in osteuropäische Länder über die Gazprombank finanzieren. Zudem finanziert das Institut für Rohstoffhändler die Förderung, den Transport und die Verarbeitung von Rohstoffen aus Russland nach Westeuropa. Weil die anderen russischen Großbanken harten Sanktionen unterliegen, ist die Gazprombank eine der letzten verbliebenen Kanäle zur Finanzierung von Handelsströmen zwischen Russland und der Schweiz.
Auf die Frage, ob bereits verhängte oder möglicherweise bevorstehende internationale Sanktionen gegen die Schweizer Niederlassung oder das russische Mutterhaus die strategische Überprüfung ausgelöst hätten, sagte ein Sprecher von Gazprombank Schweiz: “Es liegt in der Verantwortung des Verwaltungsrates, die strategische Ausrichtung einer Bank regelmäßig zu überprüfen und das Geschäftsmodell allenfalls neu auszurichten.” Zu einer möglichen Einflussnahme der Schweizer Finanzmarktaufsicht Finma erklärte der Sprecher: “Die eingeleitete Strategieüberprüfung erfolgt im Eigeninteresse der Bank und nicht auf äußeren Druck.” Die Gazprombank Schweiz sei stark kapitalisiert und operativ gut aufgestellt. Als mögliche Käufer für Teile oder die ganze Gazprombank kämen etwa Finanzinvestoren oder andere Banken in Frage, so der Sprecher.
Einem Insider zufolge könnten auch Rohstoffhändler ein Auge auf Gazprombank Schweiz werfen. Erste Interessenten hätten bereits angeklopft. Ausgehend von einem Eigenkapital von rund 200 Millionen Franken könnte das Geldhaus auf einen Wert in der Größenordnung von 150 Millionen Franken kommen. Der Firmensprecher wollte sich nicht zu einer Bewertung des Unternehmens äußern. Letzten öffentlich verfügbaren Informationen zufolge erwirtschaftete die Gazprombank Schweiz im ersten Halbjahr 2021 einen Gewinn von drei (Vorjahresperiode vier) Millionen Franken.
Die Gazprombank ist nicht die einzige Schweizer Tochter einer russischen Großbank, die möglicherweise den Besitzer wechselt. Die Finma hatte die Einschränkungen gegen die Sberbank (Switzerland) AG kürzlich gelockert. Damit könne die Bank ihre Bilanz im Hinblick auf einen möglichen Verkauf oder Eigentümerwechsel reduzieren, hatte die Behörde mitgeteilt.
(Bericht von Oliver Hirt, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)