Frankfurt (Reuters) – Deutschlands größter Pharmakonzern Boehringer Ingelheim hat im vergangenen Jahr seine Investitionen in neue Medikamente erneut nach oben geschraubt.
Das Familienunternehmen steckte 5,7 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung im Bereich Humanmedizin – nach 5,2 Milliarden im Vorjahr. Insgesamt beliefen sich die Forschungsinvestitionen auf einen Rekordwert von 6,2 (2023: 5,8) Milliarden Euro und machten gut 23 Prozent des Konzernumsatzes aus. “Da unsere aktuelle Pipeline weiter reift und mehr Produkte sich einer möglichen Markteinführung nähern, sind wir in eine entscheidende Phase hoher Investitionen eingetreten”, erklärte Konzernchef Hubertus von Baumbach am Mittwoch zur Bilanzvorlage.
Das 1885 in Ingelheim am Rhein gegründete Unternehmen plant, seine Forschungsausgaben in den kommenden Jahren weiter zu steigern. “Mit den Innovationen, die wir derzeit in unserer Pipeline haben, werden wir die Investitionen in Forschung und Entwicklung in den kommenden Jahren weiter erhöhen”, kündigte Finanzchef Frank Hübler an. Allein in den vergangenen fünf Jahren habe der Konzern rund 25 Milliarden Euro im Bereich Human Pharma investiert. Diese Strategie zahlt sich offenbar aus: Die Forschungspipeline umfasst nach Angaben von Boehringer mehr als zehn neue Phase-II- und Phase-III-Studien, die in den kommenden zwölf bis 18 Monaten starten und in den nächsten fünf Jahren zu einer Reihe wichtiger Markteinführungen beitragen sollen.
Boehringer Ingelheim setzte 2024 insgesamt 26,8 (Vorjahr: 25,6) Milliarden Euro um. Währungsbereinigt stand ein Plus von gut sechs Prozent zu Buche – in diesem Jahr wird ein leichter Anstieg erwartet. Angaben zum Gewinn macht das Familienunternehmen nicht. Auf das Humanmedizingeschäft entfielen im vergangenen Jahr 21,9 Milliarden Euro (plus sieben Prozent), womit Boehringer seine Position als umsatzstärkster Pharmakonzern in Deutschland untermauerte. Mit seiner Bilanz 2023 hatte das Unternehmen den Leverkusener Bayer-Konzern, der unter dem Patentablauf seiner Blockbuster-Medikamente leidet, von dieser Position verdrängt.
Boehringer profitierte im vergangenen Jahr erneut von kräftigen Zuwächsen bei seinen zwei Top-Arzneien – dem Diabetesmittel Jardiance sowie dem Lungenmedikament Ofev. Auch das Tiergesundheitsgeschäft wuchs – währungsbereinigt um knapp zwei Prozent auf 4,7 Milliarden Euro. Besonders gefragt waren das Floh- und Zeckenschutzmittel Nexgard, das Herzmedikament Vetmedin für Hunde sowie der Impfstoff Vaxxitek für Hühner.
PULVERFASS ZOLLPOLITIK
Weltweit beschäftigt Boehringer 54.000 Mitarbeitende, 1000 neue kamen 2024 hinzu – davon mehr als die Hälfte in Deutschland. Die Investitionen in langfristige Vermögenswerte beliefen sich auf 1,2 Milliarden Euro. Geld floss unter anderem in den Ausbau der Produktion in Ingelheim und in Japan, aber auch in den USA. Dort schloss Boehringer zudem Partnerschaften für Jardiance, um Teile der Produktion seines Blockbusters in das Land zu bringen. Diese Entscheidung sei aber lange getroffen worden, bevor mögliche Zölle im Raum gestanden hätten. “Die Idee dahinter war, eine möglichst widerstandsfähige Lieferkette sicherzustellen und unseren größten Markt weiterhin beliefern zu können, falls anderswo etwas passiert”, sagte von Baumbach. Boehringer werde das auch für andere Produkte prüfen.
Zu möglichen Auswirkungen der Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump auf das Unternehmen äußerte sich von Baumbach nicht konkret. Boehringer beobachte aber die Lage und werde alle Maßnahmen ergreifen, die sinnvoll seien. “In den letzten Jahrzehnten war es gute Praxis, keine Zölle auf Pharmazeutika zu erheben – und das aus gutem Grund. Zusätzliche Zölle würden den Zugang erschweren. Deshalb appellieren wir eindringlich, dies bei der Diskussion über Zölle zu bedenken”, betonte von Baumbach. Geopolitisch gesehen sei die Zollpolitik der USA ein “Pulverfass” für alle Branchen, sagte der scheidende Deutschlandchef Fridtjof Traulsen.
(Bericht von Patricia Weiß, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)