Hamas fordert Verlängerung von Waffenruhe

Jerusalem (Reuters) – Nach der Übergabe der Leichen von vier weiteren Geiseln an Israel und der Freilassung mehrerer Hundert palästinensischer Gefangener dringt die radikal-islamische Hamas auf eine Fortsetzung des Waffenruhe-Abkommens.

Sie erklärte am Donnerstag ihre Bereitschaft, Verhandlungen über eine zweite Phase der Vereinbarung aufzunehmen, mit der ein endgültiges Ende des vor fast 17 Monaten ausgebrochenen Kriegs im Gazastreifen erreicht werden soll. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies eine Delegation seines Landes an, sich auf den Weg nach Kairo zu machen, um Gespräche über die Feuerpause fortzusetzen. Die erste Phase des Abkommens endet nach sechs Wochen am Samstag.

Ob sich die Kriegsparteien auf das weitere Vorgehen einigen können, ist unklar. Israels Außenminister Gideon Saar erklärte, die Delegation in Kairo solle ausloten, ob es eine gemeinsame Grundlage für Verhandlungen gebe. Die israelische Regierung sieht sich einerseits mit Forderungen aus der eigenen Bevölkerung konfrontiert, sich an die Waffenruhe weiterhin zu halten, um eine Freilassung der restlichen, noch im Gazastreifen verbliebenen 59 Geiseln zu erreichen. Andererseits dringen einige ultrarechte Hardliner in der Regierung darauf, wieder zu den Waffen zu greifen, um das neben der Geisel-Befreiung ursprüngliche Ziel der Militäroffensive zu erreichen: die vollständige Auslöschung der Hamas.

Ein Streitpunkt könnte die Frage der israelischen Truppenpräsenz im Grenzbereich zwischen dem südlichen Gazastreifen und Ägypten werden. Mit dem Ende der ersten Phase des am 19. Januar in Kraft getretenen Waffenruhe-Abkommens soll Israel am Wochenende eigentlich mit dem Abzug seiner Soldaten aus dem Gebiet beginnen. Energieminister Eli Cohen forderte allerdings, dass das Militär in der sogenannten Philadelphi-Passage verbleibt, die genau entlang der Grenze verläuft. Er verwies darauf, dass Israel mittlerweile in einer besseren Verhandlungsposition sei, weil es die vollständige Rückendeckung der Regierung von US-Präsident Donald Trump habe, der am 20. Januar sein Amt angetreten hatte.

GEISEL-ÜBERGABE DIESMAL OHNE INSZENIERUNG

Die Hamas betonte, dass die restlichen Geiseln nur dann übergeben würden, wenn Israel sich an das Waffenruhe-Abkommen halte. In Israel geht man davon aus, das weniger als die Hälfte der 59 Geiseln, die sich weiterhin im Gazastreifen befinden, noch am Leben sind.

Die Hamas äußerte sich, nachdem es in der Nacht den letzten Austausch im Rahmen der ersten Phase des Waffenruhe-Abkommens gegeben hatte. Die Hamas übergab die sterblichen Überreste von vier Geiseln. Im Gegenzug entließ Israel 620 Palästinenser, die entweder in Israel in Gefängnissen saßen oder im Gazastreifen vom israelischen Militär festgehalten wurden. Bei der Übergabe der vier Särge an ein Team des Roten Kreuzes im Gazastreifen gab es diesmal keine Inszenierung durch die Hamas. Die bisher übliche Zurschaustellung von lebenden Geiseln und Särgen mit sterblichen Überresten verschleppter Menschen auf einer Bühne war auf massive Kritik in Israel und bei den Vereinten Nationen gestoßen.

Die erste Phase des Waffenruhe umfasste die Übergabe von insgesamt 33 israelischen Geiseln gegen rund 2000 palästinensische Gefangene, den Abzug israelischer Truppen aus einigen Stellungen im Gazastreifen sowie die Bereitstellung von Hilfsgütern. Auslöser des Krieges im Gazastreifen ist der überraschende Überfall der Hamas und des mit ihr verbündeten Islamischen Dschihads am 7. Oktober 2023 auf den Süden Israels. Dabei wurden nach israelischen Angaben 1200 Menschen getötet und etwa 250 Menschen in den Gazastreifen verschleppt. Das israelische Militär reagierte mit einer großangelegten Offensive. Beim Beschuss des Gazastreifens wurden nach Angaben der dortigen Gesundheitsbehörde mehr als 48.000 Menschen getötet und mehr als 110.000 verletzt. Der Gazastreifen ist weitgehend zerstört.

(Bericht von: Rami Amichay, Nafisa Eltahir, Hatem Maher, Ahmed Tolba; geschrieben von Christian Rüttger und Sabine Ehrhardt.; Redigiert von Hans Busemann; Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte)

tagreuters.com2025binary_LYNXNPEL1Q0IX-VIEWIMAGE