Autoindustrie flucht über US-Zölle – Viele Fragen offen

Berlin/Frankfurt (Reuters) – Für die deutsche Autoindustrie sind mit dem Inkrafttreten der ersten höheren US-Importzölle in der Nacht schwere Zeiten angebrochen.

Ab sofort gilt der Zoll von 25 Prozent auf Autos zusätzlich zu den bisherigen 2,5 Prozent. Ab dem 3. Mai sind dann auch 150 Kategorien von Autoteilen vom 25-prozentigen Aufschlag erfasst. Die am Mittwochabend verkündeten Zollerhöhungen um 20 Prozent gegenüber Europa kommen zwar nicht direkt auf Autos und Teile hinzu, verteuern aber manche Rohstoffe und Vorprodukte.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) verurteilte die Abkehr der USA von einem regelbasierten Welthandel. “Das ist kein America first, das ist America alone”, erklärte VDA-Chefin Hildegard Müller. “Dieser Protektionismus wird nur Verlierer produzieren.” Der Auto-Importeursverband VDIK sprach von einem vernichtenden Tag für den freien Welthandel.

Die von US-Präsident Donald Trump verhängten Autozölle werden sich auf Fahrzeug- und Autoteileimporte im Wert von mehr als 460 Milliarden Dollar beziehen, wie aus einer Reuters-Analyse der Zollcodes hervorgeht. Die Liste der Komponenten führt Motoren, Getriebe, Lithium-Ionen-Batterien oder Reifen, Zündkabel und Bremsschläuche auf. Sie könnte noch verlängert werden, wenn sich heimische US-Produzenten über unliebsame Konkurrenz beschweren. Auf ebenfalls erfasste Computer in Fahrzeugen entfielen 2024 nach offiziellen Daten 138,5 Milliarden Dollar.

Der durchschnittliche Neuwagenpreis in den USA liegt nach Daten von Cox Automotive bei 48.000 Dollar. Sie werden demnächst stark steigen, was nach Einschätzung der Autoanalysten der Schweizer Bank UBS die Nachfrage so stark schwächt, dass der Absatz um fast zehn Prozent sinken werde. “Die Hersteller haben jetzt die harte Wahl, wie viel sie von den zusätzlichen Zöllen selbst schlucken und wie viel sie auf Händler und Kunden abwälzen”, erklärten die Analysten von Barclays. Mit erheblichen Gewinneinbußen wird fest gerechnet.

“Die Folgen der 25-Prozent-Zölle, die ab dem 3. April mindestens auf Pkw, leichte Nutzfahrzeuge und bestimmte Autoteile erhoben werden, sind noch schwer einzuschätzen”, so VDA-Präsidentin Müller. Klar sei aber schon jetzt, dass diese Entwicklung weltweit negative Auswirkungen auf das Wachstum der Wirtschaft haben werde und auch Arbeitsplätze koste. Die USA sind der wichtigste Exportmarkt der deutschen Autobauer. Allein aus Deutschland importierten sie 2024 rund 450.000 Fahrzeuge bei einem Absatz von insgesamt 1,4 Millionen Wagen.

TASK-FORCE IM EINSATZ

Die Autobauer richteten Task-Forces ein, um die Auswirkungen der Zölle zu prüfen und praktische Fragen zu klären. Inzwischen lägen zwar Ausführungsbestimmungen vor, allerdings gebe es weiter offene Punkte, hieß es in der Branche. Einem Bericht des “Wall Street Journal” zufolge warnte Volkswagen seine Händler in den USA vor und kündigte Zusatzkosten an. Die Auslieferung von Fahrzeugen per Zug aus Mexiko und aus den Häfen habe VW vorübergehend gestoppt, berichtete die Zeitung unter Berufung auf eine Mitteilung an die Händler. Bis Mitte April solle Klarheit über die Preisgestaltung herrschen.

Die Häfen in den USA laufen unterdessen voll, hieß es von einem Hersteller. Autobauer und Zulieferer aus Europa schafften noch möglichst viel Ware in die USA, ehe die Zölle in Kraft treten. So fuhr etwa Mercedes-Benz die Bestände hoch, wie Analysten vom Unternehmen kürzlich erfahren hatten. Dank der höheren Vorräte müssen sie erst später die Preise erhöhen. Im Februar hatte die Marke mit dem Stern nach Daten von Cox Automotive Bestände für 114 Verkaufstage, weit über dem Durchschnitt von 89. BMW hingegen hatte nur für 73 Tage noch Neuwagen auf Lager. Im ersten Quartal stieg der Autoabsatz in den USA um knapp fünf Prozent auf 3,91 Millionen Fahrzeuge, getrieben von vorgezogenen Käufen. Im zweiten Quartal wird sich herausstellen, wie stark die Zölle den Markt treffen.

Die deutschen Autoaktien reagierten mit moderaten Abschlägen von ein bis zwei Prozent auf den jüngsten Zoll-Rundumschlag aus Washington. Bis jetzt hätten sich die Kurse der Autoaktien nur wenig abgeschwächt, was auf Wunschdenken der Anleger hinsichtlich Einführung und Dauer der Zölle hindeute, erklärten die Analysten von Bernstein Research. “Heute wurden diese Hoffnungen zerstört.” Wenn die Zölle nicht aufgehoben würden, sehen die Fachleute Abwärtsrisiko für Automobilaktien.

Der VDA forderte, dass die EU nun geschlossen stark auftreten müsse, aber gleichzeitig die Bereitschaft zu Verhandlungen signalisieren solle: “Die EU kann und muss dabei selbstbewusst agieren und alle Optionen auf den Tisch legen”, sagte die VDA-Präsidentin. Es gelte, Freihandelsabkommen mit anderen Ländern zu schließen. Trumps Zölle erhöhten auch den Druck auf die nächste Bundesregierung zu Reformen, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standortes wieder herzustellen.

(Reporter: David Lawder, Nick Carrey, Christina Amann, Ilona Wissenbach und Alexandra Falk. Redigiert von Ralf Bode. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Redaktionsleitung unter frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com)

tagreuters.com2025binary_LYNXNPEL320J6-VIEWIMAGE